KI-Kompetenz nach Art. 4: Welche Mitarbeitenden welche Schulung brauchen

Fabian Leimbach
Head of Training
Seit Juli 2026 gilt für Anbieter und Betreiber von KI-Systemen die Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, um die KI-Kompetenz ihrer Mitarbeitenden und Beauftragten zu entwickeln, die sogenannte KI-Schulungspflicht. Verlangt wird dabei keine Einheitsschulung für alle. Vielmehr geht Artikel 4 der KI-Verordnung von Maßnahmen aus, die auf die technischen Kenntnisse, Erfahrung, Aus- und Fortbildung der zu schulenden Personen, sowie den Einsatzkontext der KI‑Systeme zugeschnitten sind. Wer alle Mitarbeitenden über einen Kamm schert, überfordert die einen und unterfordert die anderen. Dieser Beitrag zeigt, wie Sie mit einem Kompetenzstufen-Modell klären, welche Rolle welche Schulung braucht. Die Grundlagen zur Pflicht selbst finden Sie im Überblick zur KI-Schulungspflicht.
Was verlangt Art. 4 an Kompetenz?
Kurz zusammengefasst: Unternehmen, die KI-Systeme betreiben oder anbieten, müssen dafür sorgen, dass die mit den KI-Systemen befassten Personen diese sachkundig, sicher und rechtskonform nutzen. Die Verordnung schreibt bewusst kein festes Curriculum und keine Stundenzahl vor. Das ist eine Chance, denn Sie können Kompetenz genau dort aufbauen, wo sie gebraucht wird, statt pauschal zu schulen.
Ein Kompetenzstufen-Modell für Unternehmen
Statt einer Einheitsschulung empfiehlt sich ein gestuftes Modell. Bewährt hat sich eine Einteilung in vier Ebenen: eine Grundlagenstufe für alle Mitarbeitenden, eine Anwenderstufe für alle, die KI-Tools regelmäßig nutzen, eine rollenspezifische Stufe für sensible Funktionen und eine Governance-Stufe für Führung und Management. Jede Stufe baut auf der vorherigen auf. So entsteht ein durchgängiges Kompetenzniveau, ohne dass jede Rolle dasselbe Programm durchläuft.
KI-Kompetenz meint mehr als Bedienwissen. Gemeint ist das Verständnis, „KI‑Systeme sachkundig einzusetzen sowie sich der Chancen und Risiken von KI und möglicher Schäden, die sie verursachen kann, bewusst zu werden“ (Artikel 4 Absatz 1 KI-Verordnung).
Welche Rolle braucht welche Stufe?
Die folgende Matrix ist ein Ausgangspunkt. Passen Sie sie an Ihre Organisation an:
| Rolle (Beispiel) | Kompetenzstufe | Fokus der Schulung |
|---|---|---|
| Alle Mitarbeitenden | KI-Grundlagen | Was ist KI? Chancen und Risiken, sicherer Umgang, kritische Prüfung von Ergebnissen |
| Intensive Tool-Anwender (Marketing, Vertrieb, Support) | Allgemeine Anwendung | Prompting, Datenschutz im Tool, Grenzen, Qualitätssicherung |
| Sensible Funktionen (HR, Finanzen, Recht, Einkauf) | Rollenspezifische Vertiefung | Bias und Fairness, rechtliche Fallstricke, Nähe zu Hochrisiko-Anwendungen |
| IT, Entwicklung, Data Science | KI-Technologie | Modellverständnis, Sicherheit, Umsetzung von Governance |
| Management und Geschäftsführung | Governance | Pflichten, Haftung, AI Policy, strategische Steuerung |
Sensible und hochrisikonahe Bereiche mit erhöhtem Bedarf
Der Weg zur Zuordnung ist pragmatisch: Verschaffen Sie sich zuerst einen Überblick, welche KI-Systeme bei Ihnen in welchen Bereichen genutzt werden. Ordnen Sie dann jeden Einsatz einer Stufe zu. Meist zeigt sich schnell, dass die Grundlagenstufe die große Mehrheit abdeckt, während nur wenige Rollen die vertiefenden Stufen brauchen. Das hält den Aufwand überschaubar und die Schulung relevant.
Nicht jede Anwendung wiegt gleich schwer. Wo KI bei der Bewertung von Menschen oder bei Entscheidungen über sie unterstützt, etwa in der Personalauswahl, der Kreditvergabe oder der Kundenbewertung, steigen die Anforderungen an Kompetenz und Sorgfalt. Solche Anwendungen können in die Klassifizierung eines Hochriskio-KI-Systems fallen. Ein Beispiel: Nutzt die Personalabteilung ein KI-System zur Vorauswahl von Bewerbungen, sollte das Team nicht nur die Bedienung kennen, sondern auch verstehen, wie Verzerrungen entstehen und dass eine menschliche Letztentscheidung sichergestellt werden muss. Für die betroffenen Teams lohnt sich daher eine vertiefte, rollenspezifische Schulung, die Themen wie Verzerrungen in Daten, Fairness und die Grenzen automatisierter Entscheidungen abdeckt.
Kompetenz aufbauen: intern oder extern
Viele Unternehmen im Mittelstand stehen vor der Make-or-Buy-Frage. Der Aufbau rollengerechter Inhalte, ihre laufende Aktualisierung und der Nachweis der Teilnahme binden Ressourcen, die intern oft knapp sind. Wer diese Aufgabe nicht selbst stemmen möchte, kann sie auslagern. Der AI Act Compliance Enablement Service von Claranet erstellt Inhalte für die bei Ihnen notwendigen Kompetenzstufen, führt die Schulung durch und dokumentiert die Teilnahme. Für einzelne Vertiefungen, etwa zu Copilot oder Prompt Engineering, lassen sich passende IT-Trainings als Add-on ergänzen.
Fazit
Die Pflicht aus Artikel 4 lässt sich nicht mit einer Schulung für alle erfüllen, fordert aber auch keinen unbegrenzten Aufwand. Ein Kompetenzstufen-Modell trifft die Mitte: Es gibt jeder Rolle genau das, was sie braucht, und macht den Aufwand planbar. Wie Sie die durchgeführten Schulungen anschließend rechtssicher dokumentieren, lesen Sie im Artikel EU AI Act Schulungspflicht – Nachweis und Dokumentation. Einen kompakten Einstieg ins Thema bietet unser Live-Webcast EU AI Act kompakt.
Häufige Fragen
Wer im Unternehmen muss geschult werden?
Grundsätzlich alle, die mit KI-Systemen arbeiten. Der Umfang der Schulungen richtet sich nach Rolle und Risiko, nicht nach einem festen Standard.
Welche Kompetenzstufen sind sinnvoll?
Bewährt hat sich eine Einteilung in KI-Grundlagen, Allgemeine Anwendung, rollenspezifische Vertiefung, KI-Technologie und Governance für Führungskräfte.
Brauchen alle Mitarbeitenden dieselbe Schulung?
Nein. Eine Grundlagenschulung für alle ist sinnvoll, darauf setzen rollenspezifische Inhalte auf.
Wie oft muss KI-Kompetenz aufgefrischt werden?
Es gibt keine feste Vorgabe. Sinnvoll ist eine Auffrischung nach Einführung neuer KI-Systeme, geänderten Prozessen oder rechtlichen Änderungen, in der Praxis oft jährlich.
